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Ein Gespräch darüber, was Ethik leisten kann

 

Ethik – das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „sittliches Verständnis“. Philosophen haben sich seit
jeher mit dem menschlichen Handeln beschäftigt. Einige der Fragen lauteten: Was ist moralisch? Wofür und für wen trage ich Verantwortung? Wie werde ich dieser am besten gerecht? Diese Fragen stellen sich nicht nur im Privatleben, sondern auch und gerade in der Wirtschaft, in Unternehmen, die nicht selten für sehr viele Menschen Verantwortung tragen. Prof. Dr. phil. Günther Keilhofer, Honorarprofessor der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ), fordert, dass die Ethik der Zukunft eine andere sein muss als bisher. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben: „Ethik der sozialen Verantwortung – Das neue Denken“. Prof. Dr. Gunter Krautheim, Rektor der WHZ, kam dazu mit ihm ins Gespräch.

 

Gunter Krautheim: Herr Prof. Keilhofer, unsere Welt befindet sich seit etwa zehn Jahren in einem kontinuierlichen Krisenmodus. Kriegerische Auseinandersetzungen haben inzwischen wieder Europa erreicht, und was sich auf dem europäischen Finanz- und teilweise Arbeitsmärkten abspielt, ist in letzter Konsequenz nicht mehr prognostizierbar. Was hat Sie bewogen, das Buch gerade mit diesem Fokus zu schreiben? Sie blicken damit ja gewissermaßen „von oben“, mit Abstand, durch die „ethisch-philosophische Brille“ auf Fragen, die uns alle umtreiben.

Günther Keilhofer: Ich möchte damit ein neues Denken auslösen, das im Mittelpunkt den Menschen in seiner Ganzheit berücksichtigt. Das bedeutet, dass diese Ethik das menschliche Leben qualitativ entwickelt und unterstützt. Gleichzeitig stellt es zum Beispiel höhere Anforderungen an Manager, wenn es um die Frage von Erhalt von Arbeitsplätzen geht. Nehmen Sie die Werkschließung von Opel in Bochum. War diese Werkschließung tatsächlich alternativlos? Diese Frage stellen sich die Betriebsräte noch heute.

Gunter Krautheim: Ist es nicht zu hoch gegriffen, ja vielleicht sogar naiv, anzunehmen, dass eine neue Ethik solch eine Werkschließung hätte verhindern können oder dies in Zukunft können wird? Die Profitorientierung ist dem Kapitalismus nun einmal immanent.

Günther Keilhofer: Nun, ich bin kein Träumer. Allerdings gibt es Entscheidungen in Chefetagen, die nicht immer von der Überzeugung getragen werden, dass die Arbeit höher zu bewerten ist als das Kapital. Nehmen Sie als positives Beispiel die Volkswagen AG. Dort gab es 1993 das Problem, dass es für mehr als 30.000 Menschen keine Arbeit mehr gab. Das Unternehmen hatte sich in den Verhandlungen mit den Betriebsräten dazu entschieden, die Vier-Tage-Woche einzuführen und die 30.000 Arbeitsplätze zu erhalten. Dafür wurde Volkswagen von den neo-liberalen Wirtschaftsexperten kritisiert und verhöhnt. Als dann wenige Monate später die Konjunktur wieder anzog, wurde Volkswagen dafür gelobt, dass der Konzern nicht zu dem Mittel der Kündigung gegriffen hatte und die qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder zielorientiert einsetzen konnte. Mittlerweile sind flexible Arbeitszeiten in der Automobilindustrie zum Standard geworden.

Gunter Krautheim: Und nicht nur dort. Solche Lösungen, oder auch Themen wie Work-Life-Balance und Familienfreundlichkeit, die übrigens auch an unserer Hochschule eine große Rolle spielen und hier auch fest verankert sind, werden immer mehr zum gesellschaftlichen Konsens. Unsere Absolventen erwarten dies sogar, fragen das in Bewerbungsgesprächen gezielt nach.Sie lehren an unserer Hochschule als Honorarprofessor.Was sagen Sie Ihren Studenten, was geben Sie ihnen mit auf den Weg? Denn sie sind ja diejenigen, die in den kommenden Jahren die Unternehmen leiten und mithin für deren Mitarbeiter verantwortlich sein werden. Wie erklären Sie das neue Denken für die Wirtschaftsunternehmen?

Günther Keilhofer: Für die Wirtschaftsunternehmen kann das neue Denken eine Steigerung der Qualität von Entscheidungsprozessen bedeuten, denn sehr oft kann als Schwachstelle eine falsche Diagnose und/ oder eine unrealistische Prognose festgestellt werden, und dann werden die Kosten unzureichend budgetiert. Das gleiche gilt für fehlerhafte Ablaufplanungen, wenn erforderliche vorbeugende Maßnahmen und Eventualmaßnahmen unvollständig ausgeplant werden. Ein Beispiel: der Flughafen BER. 2006 wurden dafür zwei Milliarden Euro geplant, heute gehen wir von mehr als 4,7 Milliarden Euro aus, und der Flughafen ist immer noch nicht in Betrieb. Ich bleibe dabei: Warum sollten wir unserer Vernunft nicht zutrauen, rationale Entscheidungen zu treffen, die zeitgemäß und ethisch richtig sind? Wir spazieren auf dem Mond herum. Wir betreiben bei Genf die Europäische Organisation für Kernforschung namens CERN, um mit Hilfe großer Teilchenbeschleuniger den Aufbau der Materie zu erforschen. Wir benutzen also die Naturwissenschaften, um modernste Technik entstehen zu lassen. Ich glaube an den Menschen als vernunftbegabtes Wesen.

 

aus: Campus3, 9.Jahrgang, 1. Ausgabe, Seite 24

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